Teilzeitausbildung – eine Chance für junge Mütter

von Andrea Lützenkirchen

Die Berufsausbildung in Teilzeit wird für Unternehmen zu einer interessanten Option, Fachkräfte zu finden. Die Firma Gustav Herrmann & Sohn aus Düsseldorf hat das Modell ausprobiert.

Wenn Lisa Graffe sich morgens an den Schreibtisch setzt, hat sie schon einiges geschafft. Sie hat ihre kleine Tochter Ayla geweckt, versorgt, fertig gemacht und zur Kita gebracht, um dann mit dem Bus von Düsseldorf Rath nach Lierenfeld zu fahren. Seit einem halben Jahr wird die 24-jährige von der Firma Herrmann, die Schaltanlagen herstellt, zur Kauffrau für Büromanagement ausgebildet – in Teilzeit. „Durch die Teilzeitausbildung habe ich mehr Zeit für meine Tochter, in Vollzeit wäre das nicht zu schaffen“, sagt die Alleinerziehende.

„Ich fand es gut, einer jungen Frau mit Kind eine Chance zu geben“, meint Meike Herrmann, die gemeinsam mit ihrem Bruder das Familienunternehmen mit 2o Angestellten führt. Sie ist zufrieden mit ihrer Auszubildenden und dem Teilzeit-Modell. „Am Montag und Dienstag ist Lisa in der Berufsschule und die drei anderen Tage bei uns. Um 14.30 Uhr ist Schluss“, sagt Herrmann. Den Rest des Tages kann die junge Frau mit ihrer dreijährigen Tochter verbringen. Am Abend ist der Arbeitstag aber längst nicht zu Ende: „Wenn Ayla schläft, lerne ich“, sagt Lisa.

In drei Jahren zum Beruf

Meike Herrmann hatte von der Teilzeit-Berufsausbildung durch das Kompetenzzentrum Frau und Beruf Düsseldorf und Kreis Mettmann erfahren. „Und dann ging alles ganz schnell. Innerhalb weniger Tage erhielt ich 20 Bewerbungen.“ Lisa Graffe wurde für einen Tag zum Probearbeiten eingeladen. „Am Ende des Tages hieß es dann: Du hast den Job!“, strahlt sie. In der Berufsschule ist sie die einzige Schülerin mit Kind und auch die einzige, die ihre Ausbildung in Teilzeit absolviert. Aber sonst unterscheidet sie nicht viel von den anderen. Ihre Ausbildung geht ebenfalls über drei Jahre und sie verbringt die gleiche Zeit in der Berufsschule wie Mitschülerinnen und Mitschüler. Reduziert wird nur die Zeit im Betrieb. Ihre wöchentliche Arbeitszeit liegt bei 30 Stunden, die beiden Tage in der Berufsschule sind darin eingeschlossen. Die Arbeitszeit wird  individuell zwischen Azubi und Betrieb abgesprochen, meist liegt sie zwischen 30 und 35 Stunden je Woche.

Zusätzlich zu ihrem Gehalt können die Teilzeit-Azubis bei der Agentur für Arbeit Leistungen wie Ausbildungsbeihilfe, Kindergeld und Wohngeld beantragen.

Teilzeit-Azubi Lisa Graffe und ihre Chefin, Meike Herrmann, mit Aus- und Durchblick

Teilzeitausbildung findet Interesse der Unternehmen

Hilfe auf ihrem Berufsweg fand Lisa Graffe bei der AWO Düsseldorf. Das NRW-Landesprogramm fördert gemeinsam mit der AWO das Projekt Teilzeitberufsausbildung (TEP) für junge Eltern. Zehn junge Mütter und Väter werden über sechs bis 12 Monate auf eine betriebliche Ausbildung hin vorbereitet, begleitet und vermittelt. Sie lernen, sich richtig zu bewerben und erweitern ihre schulischen und sozialen Fähigkeiten. „Ungefähr sechs Teilnehmer beginnen danach eine Ausbildung. Andere schreiben sich für ein Studium ein oder entscheiden sich, noch ein bisschen länger bei ihrem Kind zu bleiben“, sagt Gabriele Schmitz von der AWO Düsseldorf. Das Interesse der Unternehmen an Teilzeitazubis steige, aber es gelte auch, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. „Manches Unternehmen meint, die Auszubildenden würden nur 19 Stunden arbeiten und die Hälfte dieser Zeit in der Berufsschule verbringen“, meint Schmitz.

Dass Unternehmen eine Ausbildung in Teilzeit interessant finden, zeigen auch die Zahlen des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB) und der Initiative „Jobstarter“ des Bundesbildungsministeriums (BMBF). 2017 starteten immerhin 2.223 von insgesamt 515.679 neuen Azubis ihre Berufsausbildung in Teilzeit. Im Jahr 2013 waren es noch  1.638. In Zeiten des Fachkräftemangels also durchaus eine weitere Option.

Spannender als der Schreibtisch

Im letzten Herbst war die kleine Ayla bei Firma Herrmann zu Besuch. Sie sollte selbst sehen,  was ihre Mutter mit „ich geh jetzt arbeiten“ eigentlich meint. Vor Ort interessierte sich Ayla allerdings weniger für den Schreibtisch ihrer Mutter. Viel spannender fand sie die drei großen Bürohunde der Firma: Lea, Isy und Honey.

Weitere Infos für Eltern und Unternehmen

Gut zu wissen: Am 29.03.2019 war auch der NRW-Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Karl-Heinz Laumann, bei Firma Herrmann und informierte sich vor Ort über die Teilzeit-Berufsausbildung. Wir von Competentia waren natürlich auch dabei.
Minister Laumann im Gespräch mit Meike Herrmann und Lisa Graffe

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