Familie und Beruf gemeinsam denken

von Nina Mützelburg

Frauen-Wirtschaftsforum, Gäste und Veranstalter

Wie gelingt Frauen der Neustart in der Post-Corona-Arbeitswelt? Um diese zentrale Frage drehte sich alles beim 9. Frauen-Wirtschaftsforum Düsseldorf – women2Business. Eingeladen hatte dazu die IHK Düsseldorf gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Frauen und Beruf Düsseldorf und Kreis Mettmann. Fast schon gewohnt im zweiten Jahr der Pandemie: digital. Der Ernst-Schneider-Saal hat sich wieder in ein Übertragungsstudio verwandelt, um gemeinsam mit den 100 teilnehmenden Frauen und Männern vor den Bildschirmen in Vorträgen und Gesprächsrunden einen Blick in die Zukunft der Arbeitswelt zu werfen. In virtuellen Räumen wurden zudem Messestände und Netzwerke besucht. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Marie-Christine Frank.

Dreifachbelastung aus Job, Haushalt und Homeschooling

In den vergangenen mehr als eineinhalb Jahren der Pandemie wurde immer wieder der enorme digitale Fortschritt gelobt, den Corona in vielen Unternehmen ausgelöst hat. Die Bereitschaft, die Mitarbeiter auch im Homeoffice arbeiten zu lassen, wird meist als rein positive Folge der Pandemie gesehen. Diese Euphorie relativierte Mitgastgeberin Dorothea Körfers von Competentia in ihrem Grußwort: „Studien belegen, es sind meist die erwerbstätigen Frauen, die die Dreifachbelastung aus Job, Haushalt und Homeschooling meistern müssen. Ungleichheiten haben sich dadurch während der Krise noch verstärkt.“ Nun müssten sich die Unternehmen mit den Entwicklungen auseinandersetzen und die richtigen Weichen stellen, um Frauen ins Arbeitsleben nach Corona zu holen, ergänzte in der gemeinsamen Begrüßung IHK-Geschäftsführer Gregor Berghausen: „Die Unternehmen müssen die Chance nutzen, langfristig etwas zu verändern. Und zwar jetzt.“

Dr. Marie-Christine Frank, Dorothea Körfers und Gregor Berghausen

Digitalisierung hat nicht nur positive Seiten

Ein weiteres Grußwort kam von Staatssekretär Dr. Jan Heinisch als Vertretung von Ina Scharrenbach, Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen (MHKBG). Er warf die Frage auf, was von den Veränderungen auch nach Corona bleibt. Insbesondere was die Frage der Heimarbeit angeht, die nicht für alle gleichermaßen realisierbar sei. „Wir müssen uns aber fragen, ob die Digitalisierung der Arbeitswelt für alle ausschließlich positive Seiten hat“, sagte Heinisch. Ein bestimmtes Phänomen einer Zeit dürfe nicht zu sehr gefeiert, sondern müsste auch hinterfragt werden. „Wir müssen einen kritischen Blick auf die Entwicklung werfen. Es muss sich jeder die Frage stellen, wie er oder sie die Arbeitswelt gelungen austariert und dann eine bewusste Entscheidung treffen“, ergänzte Heinisch.

Netzwerken gehört zur Arbeitszeit

Sehr viele solcher Entscheidungen musste Nicole Nitschke in ihrem Leben bereits treffen. Seit 2019 ist die zweifache Mutter CEO des Parfümeriekonzerns Douglas für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Als Keynote-Sprecherin gab die Top-Managerin ganz persönliche Einblicke in ihren Karriereweg – und das mit viel Humor. So berichtete sie, dass zur Stressvermeidung das Weihnachtsshopping bei ihr bereits im Januar beginnt und sie bei den Fußballspielen ihrer Söhne kurzerhand am Spielfeldrand die Väter über ihre Beautygewohnheiten ausgefragt hat. „Ich bin der Beweis, dass Familie und Karriere zu verbinden nicht nur klappt, sondern Spaß macht“, sagt sie. Für die Gäste vor den Bildschirmen hat sie ihr persönliches Erfolgsrezept zusammengestellt, das unter anderem aus einer guten Portion Optimismus, dem Mut Entscheidungen zu treffen, Teamwork und Respekt anderen gegenüber besteht. Unternehmen könnten ihre Frauen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützen, indem sie individuelle Lösungen finden. Ihre Forderung an die Politik: „In Sachen Kinderbetreuung ist Deutschland nicht gut aufgestellt. Es muss eine Zusage der Politik geben, dort nachzubessern.“

Tipps aus ihrem persönlichen Alltagsmanagement gab CEO Nicole Nitschke

Netzwerken gehört zur Arbeitszeit

Abgerundet wurde das spannende Programm durch zwei Vorträge. Den Anfang machte Ute Blindert, Netzwerkexpertin und Buchautorin zum Thema: „Digitale Zeitenwende: Was Liebesbriefe mit Netzwerken und Führung zu tun haben“. Wer Karriere machen möchte, müsse netzwerken, so ihre These. Und weiter: „Wir müssen es schaffen, aus der kontrollierten Arbeitswelt mehr in die Netzwerkwelt zu kommen.“ Für die Expertin gehört die Kontaktpflege nicht zum Freizeitspaß, sondern sei Teil der Arbeitszeit. Corona habe dazu beigetragen, dass auch Skeptiker mehr Vertrauen in die digitale Welt haben. „Nun müssen wir es schaffen, dass wir auch das Menschliche, dass warum wir uns Liebesbriefe schreiben, ins Digitale mitnehmen. Und dann kann die Entwicklung weitergehen. Stichwort: Digital Leadership“, ist sich Ute Blindert sicher.

Netzwerk-Spezialistin und Buchautorin Ute Blindert

„Wir brauchen Shared-Leadership, bessere Kinderbetreuung und Zielquoten“

Die Frage, in welcher Welt wir eigentlich leben wollen, ist für Prof. Jutta Allmendinger, Ph.D. von tragender Bedeutung. Für sie gibt es zwei Möglichkeiten. Ein Modell – das wir momentan praktizieren – sieht die Adaption der weiblichen Lebensläufe an männliche Karrieren vor. Da Frauen aber nach wie vor neben dem Beruf doppelt so viel Zeit in die Kindererziehung und den Haushalt stecken, müssten bei diesem Modell Arrangements, geschaffen werden, um die Familie stärker auszulagern. Aufgrund von enormen Produktivitätsgewinnen und der Digitalisierung gäbe es noch ein zweites Modell: eine faire Arbeitszeitteilung, etwa mit 34 Stunden pro Woche. „Dann brauchen wir aber Dinge wie mehr Partnerschaftsmonate, eine andere Tarifierung beziehungsweise höheren Mindestlohn. In kleinen und mittelständischen Unternehmen braucht es klare Hinweise an die Männer, dass Elternzeit ihrer Karriere nicht schadet. Wir brauchen Shared-Leadership, bessere Kinderbetreuung und Zielquoten. Deutschland ist träge, was Entscheidungen und die Veränderungen von Strukturen angeht. Aber erst, wenn wir entschieden haben, was wir wollen, kann es weitergehen“, betonte sie. Einig war sie sich mit allen Referierenden zudem in einem Punkt: Familie und Beruf dürfen nicht länger getrennt voneinander gedacht werden.

Prof. Ute Allmendinger

Text: Nina Mützelburg, Fotos: Melanie Zanin

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